Gefühlschaos

Die Zeit läuft mir davon, das spüre ich mit jeder Faser meines Seins. Der Hirntumor ist ein ständiger Begleiter, der mir jeden Tag ins Bewusstsein ruft, dass meine Zeit begrenzt ist. Diese Diagnose ist wie ein Schatten, der über mir hängt und mich ständig daran erinnert, dass ich nicht ewig habe. Es gibt Momente, in denen diese Realität mich überwältigt – die Angst, die mich packt, wenn ich an die Zukunft denke, die Ungewissheit, wie viel Zeit mir noch bleibt. Manchmal fühlt es sich an, als würde der Boden unter mir weggezogen, und ich weiß nicht, wo ich Halt finden soll.

Und doch gibt es auch die Hoffnung, die sich nicht vertreiben lässt. Sie ist leise, manchmal kaum hörbar, aber sie ist da. Sie flüstert mir zu, dass ich noch nicht aufgegeben habe, dass ich trotz allem noch Träume und Wünsche habe. Da sind noch so viele Dinge, die ich sehen, erleben, fühlen möchte. Die Welt ist so groß, und ich habe das Gefühl, noch so wenig von ihr gesehen zu haben.

Meine Träume sind nicht verblasst, sie sind lebendiger denn je. Ich träume von Reisen an Orte, die ich noch nie gesehen habe, von Tagen, die mit Lachen gefüllt sind, von Momenten, die mein Herz schneller schlagen lassen. Ich träume davon, Zeit mit den Menschen zu verbringen, die ich liebe, sie festzuhalten und nie wieder loszulassen.

Aber die Angst ist ebenfalls da. Die Angst, dass die Zeit mir davonläuft, dass ich nicht alles schaffen werde, was ich mir wünsche. Sie krallt sich in mein Herz, besonders in den stillen Momenten, wenn ich allein bin mit meinen Gedanken. Diese Angst ist wie eine ständige Mahnung, dass ich mir keine Illusionen machen darf, dass das Leben endlich ist und ich mit der Ungewissheit leben muss.

Trotzdem klammere ich mich an die Hoffnung. Die Hoffnung, dass ich, egal wie viel Zeit mir noch bleibt, jeden Moment nutzen kann, um meine Träume zu leben. Dass ich, auch wenn die Uhr tickt, das Leben in all seinen Facetten erfahren kann. Die Hoffnung ist mein Licht in der Dunkelheit, sie hält mich am Leben, sie lässt mich atmen.

Und so lebe ich weiter, jeden Tag mit der Angst und der Hoffnung in meinem Herzen. Ich nehme sie beide an, denn sie gehören zu mir, sie machen mich aus. Sie erinnern mich daran, dass ich noch hier bin, dass ich noch lebe, dass ich immer noch träume.

Sterben auf Raten – so fühlt es sich manchmal an. Der Hirntumor wird am Ende gewinnen, das weiß ich. Diese Realität schwebt über mir wie eine dunkle Wolke, die nicht verschwindet, egal wie sehr ich es mir wünsche. Doch noch bin ich hier. Noch lebe ich und träume, halte an jedem kleinen Moment fest, als könnte ich damit die Zeit ein wenig aufhalten.

Doch während ich noch hoffe und kämpfe, bin ich gezwungen, mich mit dem Unvermeidlichen auseinanderzusetzen. Ich muss meine Beerdigung planen – mal wieder. Jedes Mal, wenn ich das tue, bricht mir das Herz ein Stück mehr. Nicht, weil ich Angst vor dem Sterben habe. Der Gedanke an mein eigenes Ende ist längst zu einem stillen Begleiter geworden, der mir immer wieder vor Augen führt, wie zerbrechlich das Leben ist.

Was mir wirklich das Herz zerreißt, ist der Gedanke an diejenigen, die ich zurücklassen werde. Meine Lieben, die ich so gerne vor all diesem Schmerz bewahren würde. Die Vorstellung, dass sie leiden werden, dass sie diese Leere spüren, wenn ich nicht mehr da bin, ist unerträglich. Es bricht mir das Herz, zu wissen, dass ich sie nicht beschützen kann. Dass ich sie nicht davor bewahren kann, durch den Schmerz des Verlusts zu gehen.

Ich möchte sie festhalten, sie trösten, ihnen sagen, dass alles gut wird, auch wenn ich weiß, dass das nicht stimmt. Ich wünsche mir, sie könnten den Schmerz, der auf sie zukommt, nicht fühlen müssen. Doch das Leben lässt uns keine Wahl. Es geht weiter, ob wir wollen oder nicht, und wir müssen uns dem stellen, was vor uns liegt.

Also plane ich meine Beerdigung mit schwerem Herzen und Tränen in den Augen. Nicht für mich, sondern für sie. Ich hoffe, dass sie wissen, wie sehr ich sie liebe, wie sehr ich mir gewünscht hätte, ihnen diesen Kummer zu ersparen. Noch lebe ich und träume, klammere mich an die Hoffnung, dass meine Zeit hier, so begrenzt sie auch sein mag, etwas Wertvolles hinterlässt. Doch ich weiß auch, dass ich irgendwann loslassen muss, und das tut weh. Nicht wegen mir, sondern wegen ihnen.

Und dann entstehen förmlich – nebenbei – kleine Wunder.
Ihr, meine Familie, Freunde, Community und Wegbegleiter, seid Wunder.

In den letzten Tagen habt Ihr mir zusammen mit Jung und Krebs gezeigt, dass es Hoffnung und Wunder sowie Menschlichkeit gibt.

Liebe Familie, Freunde, Unterstützer und Wegbegleiter,

ich sitze hier und finde kaum die richtigen Worte, um zu beschreiben, wie überwältigt und tief dankbar ich für die enorme Unterstützung bin, die mir durch die Spendenaktion entgegengebracht wurde. Jeder Beitrag, jede liebevolle Nachricht und jedes Zeichen der Solidarität hat mein Herz berührt – weit mehr, als ich es jemals erwartet hätte.

Hilfe anzunehmen war für mich nie leicht. Es ist ein Gefühl, das viele von uns kennen: Wir wollen stark sein, alles alleine bewältigen, keine Last für andere sein. Doch ich habe gelernt, dass wahre Stärke oft darin liegt, die Hand auszustrecken und anzunehmen, was uns in Liebe gegeben wird. Eure Unterstützung hat mir gezeigt, dass es keine Schwäche ist, Hilfe zuzulassen, sondern ein Ausdruck von Menschlichkeit und Vertrauen in die Menschen um mich herum.

Die Liebe, die ihr mir entgegengebracht habt, ist etwas Großes, etwas Wundervolles. Sie hat mich nicht nur finanziell, sondern auch emotional gestärkt. Jeder einzelne von euch hat mir gezeigt, dass ich nicht alleine auf diesem Weg bin und dass es immer Menschen gibt, die bereit sind, zu helfen, wenn es darauf ankommt. Diese Erfahrung hat mein Herz mit Wärme gefüllt und mir die Kraft gegeben, nach vorne zu blicken.

Ihr habt mir nicht nur einen neuen, schnelleren Rollstuhl ermöglicht, der mich schneller dort hin bringt, wo ich hin möchte und somit Selbstbestimmte Freiheit ermöglicht, der mein Leben erheblich erleichtern wird, sondern auch das unbezahlbare Gefühl, dass ich in einer Gemeinschaft lebe, die füreinander da ist. Ihr habt mir gezeigt, dass Nächstenliebe und Mitgefühl keine leeren Worte sind, sondern in so vielen kleinen und großen Taten lebendig werden können.

Danke von Herzen an jeden Einzelnen von euch, der gespendet, geteilt oder an mich gedacht hat. Ihr habt mich berührt und mir mehr gegeben, als ihr vielleicht ahnen könnt. Eure Großzügigkeit und euer Mitgefühl bedeuten mir die Welt, und ich werde diese Geste der Liebe nie vergessen.

Und ganz besonders danke ich meinem Mann, der mich trägt und hält, wenn ich zu fallen drohe. Der mich selbst dann zum Lachen bringt, wenn die Tränen nicht aufhören wollen.             Ich liebe dich.

2 Antworten zu “Gefühlschaos”

  1. [ … ] Ich möchte sie festhalten, sie trösten, ihnen sagen, dass alles gut wird [ … ]

    Auch auf die Gefahr hin, dass ich hier als spirituelles Wesen abgestempelt werde, möchte ich dennoch einen Denkansatz in den Raum werfen, der zumindest für mich gilt. Wer mich kennt, weiß dass ich das auch so meine.

    Ich selbst komme oft gefühlskalt und „abgeklärt“ um die Ecke. Das bin ich auch, dennoch glaube ich sehr stark daran, dass wenn auch dein Körper den Kampf aufgegeben hat, du trotzdem über uns wachen wirst. Du wirst dabei sein und durch deine Anwesenheit uns Stärke schenken. Durch die positiven Erinnerungen die du in uns gepflanzt hast, eine innere Wärme schenken und in dunklen Zeiten damit ein kleines Licht entzünden um Sicherheit zu versprühen.

    Wer dich länger kennt und mit dir zu tun hatte, wird diese Gefühle und Situationen zulassen und daraus Kraft ziehen können. Denn wir sollten alle wissen, dass du niemand bist / warst / sein wirst der Trauer im Leben zulassen würde. Weder bei dir, noch bei anderen!

    In diesem sinne Plüschhäschen!

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