Gefangen im eigenen Körper


Wenn du heute Abend ins Bett gehst, wage den Selbstversuch und denk an mich. Lege dich auf den Rücken in dein Bett, den rechten Arm ausgestreckt und eng am Körper, die Hand verkrampft zur Faust. Dein linker Arm liegt eng am Körper, die Hand halboffen auf dem unteren Bauch. Die Beine sind ausgestreckt, unter den Knien befindet sich ein Kissen. Der Kopf ist gerade und du schaust hoch zur Decke. Bewege dich nicht! Bleibe für 10 Minuten in dieser Position und konzentriere dich auf die Decke. Nichts darf sich bewegen, weder der Kopf, noch die Zehen oder die Fingerspitzen. Nur dein Brustkorb bei jedem Atemzug und deine Augen,  dürfen sich bewegen.

Du hörst wahrscheinlich deinen Puls im Ohr und entspannst dich. Das freut mich, aber stell dir nun vor, dass du dich immer so fühlst! Jeden Tag! Jede Nacht, wenn du im Bett liegst, über Stunden. Bis jemand anderes kommt und dich bewegt. Und alle drei Monate liegst du so im MRT für ca 45 – 90 Minuten, wo es laut und extrem eng ist.

Stell dir vor, du liegst da, dein Mund ist trocken, deine Blase ist voll und eine Fliege krabbelt über deinen Körper. Du kannst dich jedoch nicht bewegen und die Fliege nicht verscheuchen.Oder die Toilette aufsuchen. Nein, du musst um Hilfe rufen und hoffen, dass dich jemand hört. Denn deine Stimmbänder funktionieren auch nicht zu 100 %. Und dann muss die Hilfe sofort kommen, deine Blase braucht sofortige Aufmerksamkeit.

Willkommen in meiner Welt. Das Einzige, was frei ist, sind Gedanken. Und davon hast du in dieser Situation viele – glaub mir.

Fremdbestimmt, die einzigen Funktionen, die noch funktionieren, sind Denken, Sprechen und Sehen. Du weißt genau, was du willst und was nicht! Aber deine einzige Chance ist deine Stimme! Denn körperlich ist dir selbst ein Kindergartenkind überlegen!
Wissen ist eben Macht!

Nun, woran denkt man in diesen Momenten?

Ein Teil meiner Gedanken…

Natürlich dreht sich vieles über die eigene Vergangenheit. Was ist passiert? Was habe ich getan oder eben nicht getan? Bereue Ich irgendwas? Wenn ja, warum? Was habe ich erreicht? Wovor habe ich angst?

Auch Gedanken zur Gegenwart sind da. Wo stehe ich heute? Was mache ich gerade? Wo liegen meine Ziele? Worauf bin ich stolz?

Dann natürlich auch die Zukunft. Was kommt als Nächstes? Was möchte ich erreichen? Wie kann ich meine Ziele erreichen?

Ich glaube, dass es wichtig ist, über diese Dinge nachzudenken, um ein erfülltes Leben zu führen. Nur wenn ich mit mir selbst im Reinen bin, kann ich dieses Leben ehrlich anlächeln und genießen. Und auch nur dann, kann ich andere Menschen kennen lernen und an mich ran lassen, weil ich dann meine Grenzen wirklich kenne.

Ich lebe – leider – viel zu oft hinter meinen 5 Meter hohen Mauern der Unsicherheit und Selbstzweifel. Aber in meinen Gedanken bin ich frei und Selbstbestimmt. Kein Handicap!  Kein Angewiesen sein auf andere! Keine Hilfsmittel!

Eventuell ist das einer der Gründe wieso ich oft so verschlossen bin. 
Meine Gedanken gehören mir! Und ich lasse ungern Menschen hinter meine Mauer und in meine kleine Welt, weil jeder Mensch die Gefahr birgt, etwas zu verändern….

Es ist mir bewusst, dass Veränderungen nicht immer negativ sind und dass wir uns alle ständig weiterentwickeln müssen, um im Leben voranzukommen. Allerdings hat jede Veränderung auch ihre Auswirkungen.

Stell dir einen Wassertropfen vor, der in einen See fällt. Für den Wasserstand mag dieser Tropfen unbedeutend sein, aber der Aufprall – selbst bei kleinen Tropfen – verändert etwas. Wir sehen nur die Oberfläche, die kleinen Wellen. Aber was passiert in der Tiefe? Auch dort gibt es Veränderungen! Nur weil wir sie nicht sehen, heißt das nicht, dass sie nicht existieren.

Unsere Worte und Taten sind von großer Bedeutung, ebenso wie unsere Gedanken. Sie sind kostbar und mächtig.

Ich schreibe diesen Text, weil ich immer wieder feststelle, dass Menschen andere als selbstverständlich ansehen oder ihr eigenes Leben für unbedeutend halten. Ich hingegen sehe, wie besonders meine Mitmenschen sind, egal ob Freunde oder Familie. Sie sind mein Glück, und ich wünschte, sie alle könnten sich einmal mit meinen Augen sehen.

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