Frei

Ich sitzt am Pc, mit dem fertigen Text und bin unzufrieden.  Zu viel geht mir durch den Kopf und zu viel möchte ich hier erzählen – finde aber nicht die richtigen Worte. Also mache ich mir Musik an und mein Herz wird noch schwerer. Ich höre eins meiner Lieblingslieder, Zina von Babylone:

Ich möchte hier nun nicht das komplette Lied übersetzen. Wahrscheinlich versteht man es eh, wenn man mit dem Herzen genau hinhört.

Meine Oma & Ich
ca. 2006 in Algerien

Wieso ich von einem arabischen Lied schreibe?  Weil das Thema Alltagsrasismus mich schon mein ganzes Leben begleitet und Vorurteile wie ein Schatten an mir kleben.  Nicht nur das ich eine kleine „schwache“ Frau bin, die ständig Hilfe braucht, nein ich habe auch Arabische Wurzeln.

Ich sehe zwar europäisch aus, aber spätestens bei meinem Namen werde ich oft diskriminiert. Sei es „nur“, dass Menschen sich nicht die Mühe machen, meinen Namen richtig auszusprechen – ja, die Arabische Betonung wird immer fehlen – darum geht’s aber nicht.  Sondern, dass schlichte Vorlesen ein paar zusammhängender Buchstaben – ohne dabei Buchstaben dazu zu dichten, weil es fürs eigene Ohr schöner klingt. Ich wurde schon als Kind oft angesprochen wegen meinem Haar und den blauen Augen und ständig fasste mir jemand ungefragt ins Haar „oh die sind aber dick. Voll schön“ Ich mag mein Haar auch, danke – aber ich werde nicht gerne ungefragt angefasst und mir ist bewusst das ein paar Sonnenstrahlen ausreichend sind, damit ich braun bin, als sei ich im Urlaub gewesen.

Bei meinem Bruder fallen die blauen Augen unserer Mutter noch mehr auf, er hat mehr teint als ich. Wir haben zwar nie darüber gesprochen, aber ich bin mir sicher, dass auch er oft mit Vorurteilen kämpfen muss. Schon als Kinder kamen Sprüche wie „Du bist ja gar nicht deutsch“ und von arabischen Freunden kam nach Papas tot „die Deutsche kommt“ – wenn wir dazu kamen.

Mein Bruder mit Oma
ca. 2008 in Algerien

Wir gehören irgendwie nirgends ganz dazu. Was mich persönlich nicht stört. Mein Herz, mein Zuhause ist Algerien. Meine Familie die mich nimmt, so wie ich bin. Mit Tattoos, mit Piercings, mit deutschem Ehemann den ich sehr liebe. Aber ich liebe auch die algerische Mentalität und viele Gebräuche. Ich bin gläubig, aber meine Familie hat mir schon immer vorgelebt, dass niemand schlecht ist nur weil er anders oder nicht glaubt. Das gute war immer nur, dass die Mehrzahl meiner bzw. unserer Freunde aus dem direkten Freundeskreis selbst nicht Deutsch waren bzw. sind. Uns war die Herkunft, die Religion etc. egal, wir wollten nur zusammenspielen. Wir lernten voneinander und zeigten uns im Spiel die Kultur der anderen Familien. Ich lernte als Kind ein paar Polnische und Russische Bräuche und merkte schnell, dass vieles ähnlich ist. Rassismus und Diskriminierung ist Erwachsenenkram und genauso dämlich wie Homophobie! – Meine Meinung!

Dennoch lebe ich glücklich und gerne in Deutschland.  Die Möglichkeiten durch Bildung und Medizin sind ein Geschenk. Und wir dürfen unsere Meinung haben und frei äußern. Ich darf als Frau hier frei und selbstbestimmt leben.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, als wir eines Urlaubs nach Hause geflogen sind und meine Cousine- mit der ich alles teilte und wie eine Zwillingsschwester für mich war, dann mit Kopftuch vor mir stand. Es war ihr Kompromiss Um weiter zur Schule gehen zu dürfen. Sie musste ihre Freiheit aufgeben um Bildung Erfahren zu dürfen. Weil sie schlau genug war um zu wissen, dass sie als Hausfrau niemals die Chance auf Selbstbestimmung kriegen kann. Also beugte sie sich, zog das Kopftuch an und wurde sehr gläubig. Heute lebt sie glücklich verheiratet mit zwei wundervollen Kindern und einen liebevollen Ehemann – und ist Berufstätig. Sie hat es geschafft, auch wenn der Weg schwer war. Andere Frauen, auch einige die ich kenne, hatten nicht so viel Glück. Durch die Medien sind Begriffe wie Ehrenmord, Zwangsehe ect. keine fremden Begriffe. Und auch in Deutschland gibt es Frauen die es nicht leicht haben und kämpfen müssen für ihr Recht.

Aber seither weiß ich, dass ich gesegnet bin. Unsere Schulpflicht ist ein Glück für uns und es ist ein erschreckendes Privileg, mit offenen Augen durch diese Welt zu gehen. Zwei Kulturen und deren Gebräuche erfahren zu dürfen und dennoch frei leben zu dürfe, – zumindest noch. Der Rechtsruck in unserem freien Land ist nicht zu leugnen. Umso wichtiger ist es, dass wir friedlich für unsere Rechte kämpfen und zeigen – wir sind da! Wir sind Stark!

Darum habe ich diesen Text geschrieben, denn ich stehe für meine freiheit ein. Ich mach mich nicht klein!

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