Jonglieren

Ich saß mit Kopfhörer im Wartebereich meiner Physiotherapie und kämpfte mit diesem Text, mit den Tränen und meinen Gedanken. Ich möchte etwas schreiben. Mich öffnen, mich erklären und nicht wieder verschließen. Mich nicht wieder hinter der Mauer der Unsicherheit verstecken. Nicht wieder Angst vor Menschen haben und die Unsicherheit gewinnen lassen. Doch fehlt mir dafür etwas die Kraft und auch der Mut mich meinen Gedanken zu stellen. Zudem habe ich Angst, nicht verstanden und stattdessen verurteilt zu werden.

Die Natur erwacht zum Leben, alles blüht und ich beschäftige mich mit dem eigenen Verfall, der uns alle irgendwann einholt. Aber dieses Irgendwann kann manchmal schneller kommen als mir lieb ist.

Mein MRT hat mittlerweile stattgefunden. Das Ergebnis bekomme ich am 5.6.23. Bis dahin jongliere ich mit zwei Bällen. Der eine Ball ist die Angst. Die Angst was ist, wenn sich der Verdacht des Tumorwachstums bestätigt. Viele Möglichkeiten haben wir medizinisch nicht mehr. Eine Chemotherapie wird es nicht geben. Ebenso wenig kann Operiert werden. Bestrahlung? Ich weiß es nicht.

Der andere Ball ist die Angst was ist, wenn sie nichts finden? Wenn es heißt „wir haben uns geirrt“. Für viele wäre diese Aussage positiv. Für mich nicht! Denn, die Symptome sind da! Die lassen sich nicht wegreden. Und wenn es nicht von Anton kommt, ja woher denn dann? Und das macht mir ehrlich gesagt noch mehr Angst. Denn Anton und alles, was dazu gehört kenne ich. Da kenne ich die Konsequenzen und weiß genau welche Kräfte ich mobilisieren muss. Diesen Weg bin ich schon so oft gegangen und da weiß ich, dass kann ich.

Also jongliere ich weiter und die Hoffnung das am Ende alles gut wird, schwebt kontinuierlich über den Dingen.

Ich habe in einem Stream kürzlich auf Twitch tolle, offene Menschen getroffen, die mit dem Thema „Tot“ faszinierend umgegangen sind. Da kam folgender Text. Dieser Text ist bei mir tief eingeschlagen und tat mir gut. Ich beschäftige mich oft mit dem eigenen Tot. Ich finde, das ist wichtig. Niemand lebt für immer. Und ich für meinen Teil möchte keine Angst vor dem Tod haben. Im Gegenteil, ich versuche den Tod, als Freund zu sehen. Und dennoch Wünsche ich mir, diesen Freund noch lange nicht zu begegnen.

Die Indianer wussten, dass man dem Tod nicht entkommen kann, und das es aus dem Totenreich keine Wiederkehr gibt. Nichts ist allmächtiger als der Tod. Er besitzt übermenschliche Kräfte wie der Schöpfer allen Lebens. Es gilt, ihn zu verehren und ihn gnädig zu stimmen. Darin verbirgt sich der tiefere Sinn des Totenfestes im Winter, das im Jahreslauf dem Sonnenfest des Sommers gegenübersteht. Für die nordamerikanischen Indianer hatte das Göttliche keinen festen Sitz.
Es war allgegenwärtig, in jedem Blatt, in jedem Grashalm, in jedem Tropfen Wasser, in der Luft und in der Erde. Die Stämme aus der Sprachfamilie der Algonkin bezeichneten diese Zauberkraft, die allen belebten und unbelebten Wesen innewohnte, als „Manitu“. Der Begriff stammt ursprünglich von den östlichen Cree-Indianern. Für sie war „Manitu“ weder gut noch böse.
Die Sioux bezeichneten diese Kraft als „Wakan Tanka“, die Crow nannten es „Maxpe“, die Shoshonen „Pokunt“, die Irokesen „Orenda“ und die Apachen sagten „Yasastine“. Obwohl die Worte verschieden waren, hatten sie doch die gleiche Bedeutung.

Es bedeutet „wunderbar“, „unbegreiflich“ oder „geheimnisvoll“. Das sind Worte, die auch ich mit dem Tod in Verbindung bringe. Eventuell merke ich hier wieder einmal meine muslimische Erziehung. Denn im Islam, sind wir alle nur Gäste in diesem Leben und wenn wir ein friedlicher Gast waren, der alle Prüfungen positiv gemeistert hat, kommen wir ins Paradies.

Ich bin ehrlich, ich bewundere Menschen, die fest in ihrem Glauben sind. Ich bin schon lange eher am Zweifeln. Aber dennoch haben diese Blickwinkel etwas Tröstendes für mich. Etwas das ich gerne akzeptieren kann.

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