Überlebt

Wir haben überlebt. Hat alles von uns überlebt? Ich habe Freunde von mir überlebt und mich verabschiedet, schon so oft! Aber ich habe überlebt und doch ist jedesmal ein Teil von mir gestorben. Jedesmal muss ich mich neu finden, neu kennenlernen und feststellen, wo der neue Cut im Herzen verläuft. Vielleicht entdecke ich dabei aber auch neue Teile von mir?
Kann man trauern lernen oder stumpft man nur ab und baut einen Mechanismus auf, sich davor zu bewahren. Jeder Abschied bringt neue Erfahrungen und davon habe ich leider inzwischen ganz schön viele. Ich war auf so vielen Beerdigungen und weiß inzwischen schon recht gut, wie ich trauere und was mir in den Situationen gut tut. ich habe meine Bewältigungsstrategie gefunden.
Ich wünsche mich oft zurück in meine kindliche Blase, in der alles leicht und unkompliziert war. Aber das geht nicht! Ich muss immer wieder loslassen: diesen Wunsch, Vorstellungen und auch Erwartungen, denn sonst kann ich mich nicht wieder (neu) finden…

Mein Mann sagte kürzlich:
„Müsste ich Atlas ersetzen, so würde ich dich erwählen und du würdest dabei – vermutlich – sogar noch lächeln.“

Es ist ein tolles Kompliment und trotzdem lässt es mich auch nachdenken: Mach ich zu viel? Versuche ich für zu viele Freunde da zu sein und zu viel ihrer Last auf meinen Schultern zu tragen und ihnen abzunehmen? Aber ist das nicht genau das, was einen großen Teil von mir ausmacht? Mein Leben lang hab ich mich gerne und viel um andere gekümmert, oft sogar mehr als um mich. Ich wollte damit nie von mir ablenken, sondern einfach den Menschen, die mir wichtig sind, mein Bestes geben. Trotz der Gefahr, dass sie irgendwann vielleicht nicht mehr da sind. Manchmal kommt es vor im Leben, dass man sich eine Zeit lang nicht meldet. Das ist einfach so, aber du kannst sicher sein, dass ich mich melde, wenn du mir wichtig bist!
Wenn ich morgens erwache, warten meistens schon einige Nachrichten auf den verschiedensten Plattformen auf mich. Ich beantworte sie gerne und versuche mir auch – so gut wie möglich – alles zu merken. Das gelingt mir leider nicht immer und meistens verurteile ich mich dafür. Mein Gewissen ist fies und ergötzt sich an meinem Scheitern. So lässt mich meine eigene Erwartung stolpern und das trotz festem Sitz im Rollstuhl. Deshalb kann ich auch dabei aus meinen Erfahrungen lernen und versuchen, meine eigenen Erwartungen loszulassen und mein Bestes zu geben. Denn mehr als mein Bestes gibt es von mir nicht und jedes Scheitern oder Stolpern eröffnet auch die Möglichkeit zu wachsen und neue Teile von mir zu entdecken.

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