
Vergangenen Freitag durfte ich zu einem Trauerworkshop. Finanziert wurde dieser von Jung&Krebs. Ich hatte mich voller Neugier da angemeldet. Meine Erwartungen gingen in die philosophieche Schiene. Ich habe mich mit dem eigenen Tod sowie dem Sterben und der Vergänglichkeit schon sehr auseinandergesetzt. Daher kenne ich aus der Philosophie die bekannten 7 Wellen des Trauerns. Es war ein sehr spannender, interessanter und emotionaler Abend und ganz anders als ich es erwartete. Darum sitze ich nun hier und versuche die richtigen Worte zu finden und mein inneres Chaos zu sortieren und nach außen zu tragen. Was mir hier gerade wirklich nicht leicht fällt.
Ich bin ein absoluter Gefühlsmensch der ständig in Tränen ausbricht und sehr Harmoniebedürftig ist. Wie ein scheues Reh das Wasser sucht. Ich merke wie die Stimmung in einem Raum ist, wenn ich reinkomme. Egal ob virtuelle Räume oder Real. Ich spüre oft mehr als mir lieb ist und lese in der Mimik meines Gegenübers wie in einem Buch. Viele Menschen merken gar nicht wie viel sie körperlich oder über die Mimik und Stimmlage erzählen.
In dem Raum am Freitag lag ein Knistern in der Luft. Neugier und Angst führten einen Tanz auf und das in jedem von uns. Deutlich Spür- und Sichtbar „Kann ich meine Gefühle und Gedanken hier zu- und rauslassen und aushalten?“ Die Frage „Was macht das mit mir?“ Schwebte unausgesprochen über uns und kreiste im Raum umher.
Die Trauerbegleiterinnen aus der Hospizgruppe waren sehr einfühlsam und intensiv. Und für mich zum Teil keine Fremden. Die eine Dame kannte ich aus meiner Zeit aus der Kinderklinik. Flashbacks kamen hoch, positive wie negative, aus der Zeit meiner ersten OP. Ich wurde von Erinnerungen und Gefühlen überrollt und zeitgleich freute ich mich sie wiederzusehen und über den Fakt, dass so viele Jahre seither vergangen sind und ich noch am Leben bin. Trotz allem.
In dem Workshop ging es um Trauern. Aber nicht nur um die Art Trauern, wenn ein geliebter Mensch verstorben ist. Sondern auch oder besonders um das Trauern des eigenen Seins.
Wir müssen im Laufe unseres Lebens so oft von etwas Abschied nehmen, was wir teilweise völlig unterbewusst machen. Es steht mir nicht zu über andere zu berichten, aber ich zum Beispiel, was mir vorher gar nicht so bewusst war, Trauer um meine Gesundheit die nie wieder vollständig sein wird, meine Fähigkeiten, die ich verloren habe, ich werde nie wieder Eiskunstlaufen oder Dressurreiten…, um Freundschaften die zerbrochen sind und nicht zurück kommen, um meine Selbstständigkeit und Selbstbestimmung, um meine Abhängigkeit…..um so vieles.
Wir haben das Kaleidoskop des Trauerns mit sechs Facetten besprochen und aufgezeigt.
Überleben: körperliches – und seelisch – emotionales Überleben. Wie schaffe ich es zu überleben?
Wirklichkeit: körperlich erfahrbare, gedankliche und spirituelle Realität des Verlust/des Todes begreifen. Welche Bilder habe ich von diesem Sterben?
Gefühle: Alle widersprüchlichen Gefühle, die der Verlust auslöst, wahrnehmen, spüren und ausdrücken.
Sich anpassen: Veränderungen im Alltag wahrnehmen und Strategien zum Umgang damit entwickeln.
Verbunden bleiben: Die innere Beziehung zum verstorben so gestalten, dass sie das eigene Weiterleben positiv unterstützt.
Einordnen: Grundüberzeugungen an das Geschehene anpassen, das eigene Leben wieder als zusammenhängend wahrnehmen. Was hat sich verändert, wie ich über mich selbst und die Welt denke? Wie gehe ich mit „Warum-Fragen“ um? Fühlt sich mein Leben wieder auf irgendeiner Art „sinnvoll“ an?
In diesem Trauerkaleidoskop gibt es sechs Bausteine oder „Facetten“. Das Bild des Kaleidoskop macht es möglich zu verstehen, dass unterschiedliche Themen und Aufgaben im Trauerprozess nicht nacheinander auftauchen, sondern stets alle gemeinsam vorhandenen sind. Sie mischen sich wie in dem Kinderspielzeug „Kaleidoskop“ permanent zu neuen Mustern, dabei können sie sich gegenseitig überdecken oder unterstützen – aber immer sind alle Aspekte vorhanden.
Jeder Mensch der Trauert, ganz gleich um was, beschäftigt sich unwillkürlich mit den sechs Facetten des Trauerns. Manches gelingt leicht, manches bereitet Mühe oder braucht sogar fachliche Unterstützung. Was niemanden weniger wert macht. Ganz im Gegenteil. Sich Hilfe holen beweist Stärke.
Ich für meinen Teil bin dankbar für diesen Workshop. Es hat vieles Aufgewühlt und ein innerliches Chaos verursacht, aber auch Gefühle befreit die tief Schlummerten und mir die Möglichkeit geben wieder einmal einen neuen Blickwinkel auf mich selbst zu bekommen. Danke dafür.