Der Tag, an dem ich zum Phoenix wurde

Ich habe lange überlegt wie ich diesen Text anfange aber egal wie sehr ich noch überlege und wie oft ich es noch ändern ich werde nie zufrieden sein dennoch ist dieser Text  wahnsinnig wichtig.

Am 21.05. 2019 war die OP vor der ich so Angst hatte. Ich hatte mir die letzten 20 Jahre immer geschworen dass ich mich nie wieder operieren lassen und dann kam es doch dazu, weil wir mit dem Rücken an der Wand standen und die Vorstellung langsam vor sich hin zu sterben, unerträglich war. Natürlich hatte ich vor der OP genauso viel Angst und habe vorher viele Gespräche geführt. Mich bei aktiver Sterbehilfe angemeldet und viele Optionen durchgekaut aber letzten Endes habe ich mich operieren lassen und es war die beste Entscheidung die ich treffen konnte. Die OP ging etwa 10 Stunden. Ich wurde auf dem Bauch liegend operiert und die Ärzte haben was geschafft das an ein Wunder gleicht. Der Tumor ist weg bis auf eine mikroskopische Größe.

20 Jahre lang habe ich gehört dass der Tumor nicht entfernt werden kann und nun ist fast alles weg. Ich kann es heute immer noch nicht ganz glauben und verstehen.

Die Aufnahme in der Klinik vor der Op war zwar ganz nett aber ich fühlte mich als würde ich ins Gefängnis gehen. Ich hatte ein großes Einzelzimmer mit eigenem Bad aber ich hatte das Gefühl meine Freiheit aufzugeben und wollte eigentlich die ganze Zeit nur raus. Ich habe es im Zimmer kaum ausgehalten. Der Abend vor der Op tat gut.  So viele liebe Menschen die fest in meinem Herzen Wohnen kamen um bei mir zu sein. Danke dafür! Mir war es wichtig frisch geduscht in die Op zu gehen und meine Familie kam extra morgens um sechs Uhr um mir zu helfen und für mich da zu sein. Mega die Unterstützung! Auch dafür danke! Im Op Bereich fühlte ich mich wie ein Huhn auf der Schlachtbank. Ich glaube wir lagen da zu sechst und warteten darauf aufgeschnitten zu werden. Irgendwie gruselig.  Ich würde als erste geholt. Dann die Frage  „wo ist ihr Kreuz?“  Mein Kreuz? Ach die Markierung, auf dem Nacken. Nein da ist nichts. Sofort Stress unter den Angestellten bis einer meinte „das ist die Patientin von Dr. Schnell die Brauch keine“. Warum weiß man das nicht gleich und stresst die Patienten dann noch unnötig?  Dann ging es in den Narkose Raum. Die Dame kannte ich schon vom Vortag und als ich sie sah war meine Aufregung weg. Wir witzelten herum und ich war gerade dabei die Schülerin zu Spoilern wegen Game of Thrones da ich das Ende am Vortag morgens um sieben Uhr schon geschaut hatte aber die Schülerin war mit dem Narkoseschlauch schneller als ich mit meinem Mundwerk.

Als ich wieder zu mir kam stand meine Familie schon an meinem Bett und ich war genervt weil ich mich nicht so bewegen konnte wie ich wollte und ich irgendwas im Mund hatte. Im Nachhinein weiß ich dass mir Hände und Füße fixiert wurden weil ich um mich geschlagen habe und mir ständig den Intubationsschlauch und die Magensonde ziehen wollte. Ich habe wohl doch sehr deutlich gemacht dass mich jeder der da stand genervt hat. Ich weiß davon nichts mehr das einzige was ich noch weiß dass ich genervt war von den Ärzten weil bestimmt 4 Ärzte um mich herum standen und sich reghaft darüber unterhalten haben warum mein Gesicht so rot ist und ich dachte nur ich bin wegen einem Tumor da nicht wegen einer Röte im Gesicht, eine Schwester hat dann ausgesprochen was ich dachte und hätte ich gekonnt, ich hätte ihr Applaudiert.

Zwei Tage lag ich auf Intensivstation bis ich zurück in mein Zimmer durfte auf normale Station.

Ich konnte mich, nachdem ich ganz wach war, gar nicht mehr bewegen. Also wirklich so gar nicht.  Nicht mal einen Finger oder Zeh. Es ist Wahnsinn, ein paar Stunden (gefühlt) vorher habe ich eigenständig getrunken und bin einfach aufgestanden und aufs WC oder mir selbst die Zähne geputzt und dann aufzuwachen und wieder gar nichts zu können. Nicht mal um Hilfe Klingeln oder ein Anruf auf dem Handy entgegen zu nehmen. Mein eigener Horrorfilm! Ich bekam Sauerstoff und hatte einen Blasenkatheter. Mein Appetit war komplett weg ebenso das Hungergefühl. Ich wollte gar nichts. Drei Tage nach der Op versuchte die Physiotherapeuten mit Hilfe eines Lifters mich in meinem Rollstuhl zu setzen. Vom Kreislauf her ging es eigentlich aber der Lifter war defekt und somit ging es nicht, ich weiß ja nicht warum man sowas nicht vorher mal testet. Die Enttäuschung bei mir war groß ich wollte aus diesem Bett raus. Das Wochenende hieß es also wieder nur im Bett liegen und da ich ja nicht Lotto spielen aber anscheinend überall irgendwas dazu bekomme auch hier. Ich hatte einen richtig heftigen Harnwegsinfekt. Fast 40 Grad Fieber die Kopfschmerzen meines Lebens und ich war Lärm und lichtempfindlich. Ich habe es nur mit ganz starken Schmerzmitteln und einem Lappen vor den Augen ausgehalten und alle halbe Stunde gekotzt wie ein Wasserspeier. Zwei verschiedene Antibiotika waren nötig um das einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Ungefähr vierzehn Tage nach der Op wurden die Takern gezogen. Die Assistenzärztin die mir die  Tackern ziehen sollte war eine ganz nette. Ich konnte es trotzdem nicht lassen sie ein bisschen auf den Arm zu nehmen. Als sie das Desinfektionsspray ansetzte um das Pflaster zu lösen sagte sie: „so nun wird es feucht und kalt“. Ich konnte es nicht lassen und musste daraufhin einen Spruch drücken „aha es wird feucht“.

Ich kann nicht mehr genau sagen wann der operierende Arzt mich besuchen kam und mir mitteilte dass er beide Zysten und den Tumor bis auf ein mikroskopisch großes Stück entfernt habe. Ich konnte das nicht glauben nach 20 Jahren wurde jetzt doch fast alles entfernt. Ich wusste nicht ob ich weinen oder lachen sollte ich konnte nicht reagieren das ist total sureal auch jetzt noch obwohl ich den Arztbericht habe und es schwarz auf weiß da drin steht. An der Narbe waren es 29 und im Kopf waren 5 Stück zum Stabilisieren.

Der 21.05 2019 hat nicht nur mein Leben verändert sondern auch das meiner Familie und Freunde.

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