Jahrtausendwende

„Wie Freude den Menschen verrückt machen kann“

Als ich aus Gailingen kam, musste ich ja länger im Krankenhaus bleiben, wegen der vielen Lungenentzündungen. Es war nicht gerade toll aber es war halt so. Ich muss auch gestehen, dass ich mich an vieles gar nichts so recht erinnere. Aber was ich nie vergessen werde, ist wie ein Mensch, im wahrsten Sinne, verrückt werden kann. Ich hab das Silvester 1999, an der Jahrtausendwende bei meinem Bruder erlebt. Ich möchte ihn nicht beleidigen oder ihm hier irgendwas an den Kopf werfen, also K., wenn du das hier lesen solltest, dann bitte versuch mich richtig zu verstehen.
Dein Freunden – Ausbruch hat mir gezeigt, dass ich euch sehr, sehr weh tue würde, wenn ich aufgeben sollte. Aber zurück, andere müssen ja auch verstehen was ich meine, ich wurde am 31.12.1999 gegen Abend entlassen. Und das obwohl ich bis mittags am Sauerstoffgerät hing. Meine Mutter hatte absolut kein gutes Gefühl als sie mich mit nach hause nahm. Klar hatte sie sich auch gefreut aber die Angst, dass in der Nacht was währe und dann alles vorbei sein könnte steckte ihr sehr in den Knochen. Verständlich!! Aber sie hat mir gegenüber nichts von ihrer Angst durchsickern lassen. Heute weiß ich, dass dieses Nacht mit einer der schrecklichsten für meine Mutter gewesen sein muss. Da sie ständig nach mir gesehen hat und bei jedem Geräusch wach war. Ich hab mich gefreut wie eine Schneekönigin als ich endlich im Rollstuhl saß und meine Mutter mich aus der Klinik geschoben hatte.

An den Weg nach hause kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Es waren einfach zu viele male in denen meine Mutter mich mit dem Rollstuhl nach hause holte. Mal mit der Straßenbahn und mal sind wir die ganze Strecke zu Fuß, dass heißt ich im Rollstuhl, nach hause. Wie schon gesagt, wir wohnten zu der Zeit noch im vierten Stock – ohne Aufzug! Meine Mutter hat mich immer die ganzen Stockwerke hoch tragen müssen. Und dann natürlich auch den Rollstuhl, den hab ich ja gebraucht. Ich konnte ja nicht selbständig sitzen. Das hat den Rücken sowie die gesamte Gesundheit meiner Mutter schwer in Mitleidenschaft gezogen. Ich mein, gut ich hab in der Zeit so ca. 40 kg gewogen, wenn es hoch kommt. Plus – Minus. Genau weiß ich dass nicht mehr aber ist ja eigentlich auch egal. Denn ob 30 oder 80 kg, wenn jemand steif ist und man nicht überall heben und anfassen darf weil man den Menschen sonst Umbringt, dann ist es im Allgemeinen sehr schwer und kompliziert jemanden täglich mehrere male vier Stockwerke hoch und runter zu tragen. Das macht man nicht mal einfach so.

Wir hatten zwar wirklich sehr nette und hilfsbereite Nachbarn, aber die können halt nicht immer helfen. Zuhause angekommen, K. und N. haben sich riesig gefreut, es war ja eigentlich so gedacht, dass ich Silvester in der Klinik verbringe und als ich da so plötzlich doch zuhause war, da ist bei K. jede Sicherung durchgebrannt. Er hat sich den Rollstuhl geschnappt und ist mit seinen kleinen Schwestern, der einen vor und der anderen hinterer durch die Wohnung gedüst und hat das Lied der Teletubbies gesungen. Bis Mama das Essen fertig hatte, hat er nur „Tinky Winky, Dipsy, Laa Laa und Po“ gesungen. Es war zum schießen komisch.

Ich weiß leider nicht mehr viel von dieser Zeit und eben auch nicht wirklich viel von diesem Abend aber dass werd ich nie mehr vergessen. Zumal ich seit diesem Abend erst recht weiß, wie viel ich meiner Familie bedeute und wie sehr ich auf sie angewiesen bin und wie sehr ich die Kraft und den Rückhalt meiner Familie brauche. Wie gesagt, ich Erinnere mich nicht sehr gut und zugegeben, auch nicht sehr gerne. Aber dass werde ich nie vergessen.

Kurz nach der Jahrtausendwende, um die ja alle so ein Wirbel gemacht habe ich weiß bis heute nicht warum aber ok, ja wie gesagt kurz danach musste ich ins Krankenhaus. Die erste Chemo, bzw. der allererste Zyklus stand an. Ich wollte diese Chemo – Therapie nicht. Ich hatte Angst vor dem was da kommt, was da in meinem Körper passiert, was mit mir passiert. Ich hatte die Unschönen Nebenwirkungen ja bei meinem Vater gesehen und miterleben müssen. Ich wollte nicht so leiden wie er. Ich wollte mein Leben einfach weiter leben, so wie früher. Ich hatte nicht verstanden warum dass gemacht werden musste. Ich habe mich in der Zeit oft gefragt warum ich so bestraft werde. Im Hinterkopf hatte ich immer den Gedanken, dass ich Schuld sei an dem Tot meines Vaters. Ich weiß nicht mehr warum ich mich mit meinem Vater damals gestritten hatte aber er war auf jeden fall sehr Sauer. Ihm ist die Hand ausgerutscht, dass ist ihm eig. nie passiert, also muss ich wohl echt was angestellt haben. Jedenfalls habe ich dann das Hochzeitsbild meiner Eltern genommen und mir vorgestellt wie das wäre wenn mein Vater einfach verschwinden würde. Ich habe es mir nicht gewünscht, nur vorgestellt. Kurz darauf war unser „wunderschöner“ Urlaub. Die ersten Tage waren echt schön, wir waren Muscheln sammeln und haben die dann Stundenlang geputzt um sie anschließend zu kochen. Ich wollte die aber nicht essen. Ich fand die Ekelhaft. Mitten im Urlaub hatte mein Vater plötzlich schlimme Schmerzen im Bauch. Er ist zwar in Frankreich zu den Ärzten aber er hatte ihnen kein Vertrauen geschenkt. Er musst dort ins Krankenhaus und wurde dann später nach Deutschland ins Krankenhaus gebracht. Leider haben die Ärzte in Freiburg dasselbe gesagt wie die in Frankreich. Krebs. An seine Chemo-Therapie kann ich mich noch sehr gut erinnern. Zumal es von dieser Zeit Fotos gibt. Er hatte sehr schnell abgebaut und die Harre und die Kraft verloren. Wenn ich heute die alten Fotos sehe, wie zerbrechlich und schlank mein Vater am ende aussah. Es tut so weh. Das war nicht mein geliebter Dad vor dem ich so viel Respekt hatte und immer bewunderte. Er hatte lange versucht uns Kindern dennoch den liebenden, lustigen Vater vorzuspielen aber wenn ich mich so Erinnere, wird mir bewusst wie schwer es für ihn gewesen sein musste. Er wusste genau, dass er nicht siegen würde. Er hatte es gespürt. Sonntag, den 21.12 1997 war er wie ausgewechselt. Er war seid Wochen wieder mal aus dem Bett aufgestanden und ist mit uns über die Station gelaufen. Heute weiß ich, dass war eine Abschiedsgeste. Damals sagte ich so was wie „Juhu Weinachten ist Papa zuhause“ Ich weiß nicht mehr was er genau zu mir sagte als er uns Kinder jeden einzelnen noch mal fest in den Arm nahm. Aber ich weiß, ich hatte es genossen. Am 22. 12.1997 wurde ich wach weil ich meine Mutter weinen hörte. Ich kroch aus meinem Zimmer und schaute unsicher und heimlich in den Flur. Da saß meine Mutter, auf Kniehen, Verkranft und heulend am Telefon. Den Telefonhörer an die Brust gepresst. Mein Bruder stand neben ihr. Als ich das sah wusste ich, mein Vater war gestorben. Aber wahrhaben wollte ich es nicht, ich redete mir ein, dass ich nur wieder ins Bett musste und brav sein musste, dann würde alles gut. Ich bin also ins Bett zurück und habe mich schlafend gestellt, ich wollte das nicht wahr haben. Später kam eine Nachbarin zu uns hoch um mir und meiner Schwester etwas zum Essen zu machen, ich hatte N. in der Zeit schon geweckt und einen Video angemacht. Ich komm leider nicht auf den Namen des Films aber es war ein Musikel. Zwei verschiedene Gangs haben singend und tanzend gegeneinander gekämpft. Die einen waren Amerikaner und die anderen Porturikaner. Meine Tante hatte uns dann später abgeholt und in die Klinik gebracht. Als ich diesen weißen langen Flur entlang lief und mit der andere K. entgegen kam und ich sah das er ganz rote Augen vom weinen hatte, da wollte ich ganz schnell zu meinem Vater. Ich wollte, dass er aufwachte und alle in die Arme nahm. Das er meine kleine Welt wieder in Ordnung brachte, so wie er es immer getan hatte. Er konnte mich doch nicht alleine lassen, dazu hatte er kein Recht. Mein Vater lag friedlich im Bett. Es sah fast so aus, als ob er lächelte. Ich wusste nicht was ich machen sollte. Ich wollte ihn so nicht Umarmen zudem standen so viele, für mich, fremde Männer im Raum. Meine Mutter war nur am Weinen. Auf dem Weg nach hause kam mir der Gedanke, dass ich Schuld bin, dass er von uns gegangen ist. Dass Gott mein Spiel mit dem Hochtzeitsfoto gesehen hatte und er es nun für mich umsetze. Ich dachte, Gott könnte sich irren und denken, dass ich das so wolle. An diesem Gedanken habe ich Jahre festgehalten. Ich habe mir selber ewige Vorwürfe gemacht. Und tue es immer noch. Jetzt bin ich ganz vom Thema abgekommen aber ich denke es ist wichtig und richtig das hier rein zu bringen.

Auf jeden fall wusste ich so in etwa, was Chemo ist und ich wollte es nicht. Aber mir blieb keine andere Wahl. Meine Mutter so wie die Ärzte hatten keinen anderen Weg gewusst und anders währe es wahrscheinlich dem Ende zu gegangen. Aber der erste Zyklus war ein Flop. Gleich die erste Infusion bekam mir nicht. Warum oder wieso – keine Ahnung. Meine Mutter vermutet, dass die Chemo zu hoch dosiert war, da ich in der Zeit zu untergewichtig war, währe das möglich. Aber der Professor K. meint kürzlich, ich könnte ja auch in der Zeit einen Grippalen Infekt im Körper gehabt haben, den man übersehen haben könnte. Das währe auch möglich. Fakt ist, dass ich fast an den Nebenwirkungen gestorben wäre zu der Zeit und nicht an der Krankheit. Meinen 12. Geburtstag habe ich auf Station Escherich verbracht. Das Personal hatte mir mein Zimmer wunderschön geschmückt und sie hatten versucht mir den Tag so schön wie möglich zu machen. Die Ärzte hatten meiner Mutter zu der Zeit gesagt, dass es sein könne, das dies mein letzter Geburtstag sein könne. Das muss man sich mal Vorstellen was dann in meiner Mutter los war. Vier Jahre zu vor Starb ihr Mann, mein Vater, kurz vor seinem Geburtstag und dann bestand die Gefahr, die Tochter kurz nach ihrem Geburtstag zu verlieren. Das muss die Hölle auf erden für meine Mutter gewesen sein. Sie hat mich für den Nachmittag aus der Klinik geholt um mir, wenigstens, einen so schönen Geburtstag zu gestalten wie es überhaupt möglich war. Sie hatte zwar Angst, dass mir die Luft weg bleiben könnte oder sonst irgendwelche Komplikationen auftreten könnten. Aber sie hatte trotzdem diesen Zettel unterschrieben, womit sie die volle Verantwortung übernommen hatte. Es war wirklich ein hohes Risiko, aber ich fand es schön. Endlich wieder mal zuhause. Im Kreise der Familie und engsten Freunde zu sein. Meine Mutter wollt unbedingt was zu essen machen, aber ich wollte eigentlich nichts. Sie hatte dann aber doch Carmenbert mit Preiselbeeren serviert und Brot dazu. Da steh ich ja voll drauf. Und siehe da, ich hatte auch etwas gegessen. Aber ich lag auch viel auf dem Sofa und habe geschlafen, es war eben auch anstrengend so viele Leute die ganze Zeit um sich zu haben. Ich weiß nur noch, dass meine Mutter mich länger als ausgemacht zuhause gelassen hatte. Es wird wohl so 21.00 Uhr gewesen sein als ich mein „geliebtes“ Krankenbett in der Klinik wieder aufgesucht hatte. Es war zum glück nicht weiter schlimm, dass wir zu spät kamen, sie kannten uns ja mittlerweile gut genug. Zudem dachten die Schwestern, dass wenn meine Mutter mich nicht früher bringt wird’s mir wohl auch nicht sonderlich schlechte gehen. In der Zeit hat eh jeder versucht mir alles recht und so angenehm wie nur möglich zu machen. Also von daher war alles in Ordnung. Ich weiß noch, irgendwann am Nachmittag bzw. eher gegen Abend, ich war voll fertig. Der ganze Besuch und das ständige sitzen usw. Na ja ich wollt dann nur eine Stunde schlafen. Da klingelte es an der Tür und ich hörte wie meine Mutter öffnete und die neuen Gäste begrüßte. Ich hörte die Stimme meiner besten Grundschulfreundin T. und deren Mutter. In meinem Kopf kamen die Wörter „oh nein, ich will doch nur schlafen und niemanden mehr sehen „. Ich hab mich dann schlafend gestellt und gehofft sie würden wieder gehen. T., meine Freundin stand im Flur und hatte voll geweint. Ihr tat mein Anblick, wie ich da auf dem Sofa lag so voll auf Hilfe angewiesen und so voll weh. Mir tat weh, dass es ihr wehtat. Aber ich wollte nicht die Augen auf machen. Ich wollte sie so nicht sehen. Ich hatte Angst, was sollte ich ihr den sagen oder wie hätte ich sie trösten können? Hätte ich sie überhaupt trösten können? Ich war für solche Reaktionen selbst noch zu frisch in der Situation um dann anderen ein paar aufbauende Worte zu verschenken. Ich war noch nicht so weit. Meine Mutter versuchte T. zu trösten und ihr das alles etwas verständlicher zu machen. Ich weiß bis heute nicht, ob ihr das geglückt ist. T. und ich haben uns seid diesem Tag aus den Augen verloren. Sie hatte zwar oft angerufen aber ich konnte nicht mit ihr reden, wie sollte ich ihr dann gegenüber sitzen? Ich hab mich so schlecht und auch so Schuldig gefühlt, zudem was hätten wir denn noch zusammen machen können. Da ihre Familie kurz vor dem ganzen Umgezogen war, sind wir uns eigentlich auch nie über den Weg gelaufen, und das war zu der Zeit vermutlich auch besser so. Es hätte uns wahrscheinlich auch immer sehr wehgetan. Wenn wir uns heute in der Stadt treffen, freu ich mich immer aber es ist auch immer etwas komisch. Ich habe dann immer ein schlechtes Gewissen, da ich bis heute noch nicht einmal mit ihr darüber geredet habe. Mich plagen seid meinem 12. Geburtstag Gewissensbisse, wenn ich T. treffe. Ich weiß nicht was ich sagen soll oder ob ich sie einfach in den Arm nehmen soll oder besser nicht, ich weiß nicht was ich richtig mache. Und ich glaube, sie ist sich auch immer ganz unsicher.

Dieser erste und letzte Zyklus der Chemo war echt heftig. Ich glaub ich lag bestimmt drei Monate im Krankenhaus. Meine Zunge war angeschwollen und somit war Essen eine echte heraus Forderung. Ich hatte Magenkrämpfe, das ich dachte mir zerreist es jeden Moment meinen Körper und schlimmes Fieber. Es gab Tage da war ich gar nicht ansprechbar. An einen solchen Tag kann ich mich dunkel Erinnern. Ich weiß, dass ich Besuch bekommen hatte, ich weiß auch, dass es zwei Jungs waren, aber wer da kam – keine Ahnung. Mir wurde im Nachhinein dann gesagt, dass es mein Bruder mit seinem Kumpel J. gewesen ist. Das war mir voll Unangenehm. Ich liebe meinen Bruder und ich brauche ihn. Aber ich kann mir auch denken, wie schwer es in dieser Zeit für ihn gewesen sein muss. Es ist schon Wahnsinn was manche Menschen im Leben an Stärke zeigen müssen. Aber ich bin froh, dass meine Familie diese Stärke hatte und noch immer hat. Aber es zerrt an den Nerven und somit schwächt es sehr.

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